Eure königliche Durchlauft


Schonmal eine Schauspielerin oder einen Schauspieler auf der Bühne heulen gesehen? So ein Ausbruch kann prinzipiell mehrere Gründe haben. Im besten Fall liegt es einfach daran, dass der Akteur oder die Akteurin gerade derart durchdrungen ist vom emotionalen Bühnengeschehen, dass die Tränen als Reaktion auf die Handlung die Wangen herunterkullern. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass die Tränen auf der Bühne fließen, weil ihr gerade bei der ersten Durchlaufprobe zuseht.

Verglichen mit einem Videospiel könnte man die Durchlaufproben wohl als den ersten Endgegner auf dem Weg zur Aufführung bezeichnen: Der erste Level ist geschafft, man weiß inzwischen, dass man mit dem gelben Knopf springt und mit dem roten schießt, hat sich holprig mit der Umgebung vertraut gemacht, ein paar Gegner beseitigt und ein grobes Gefühl für die Spielmechanik entwickelt. Wenn ihr kein Gamer mit jahrelanger Expertise und eigenem Youtube-Kanal seid, wird euch der erste Boss dann aber in den meisten Spielen trotzdem ein paar Anläufe kosten, weil ihr im Eifer des Gefechts mit schweißnassen Fingern vor lauter Hektik versucht, mit Gelb zu schießen und mit Rot zu springen.

Der Weg zum ersten Durchlauf läuft in etwa genau so ab: In den ersten Wochen wurden die Szenen einzeln geprobt, man durfte wahlweise sein Textbuch in der Hand halten oder (so läuft das bei uns) die Szenen relativ frei nach einem groben Ablaufschema improvisieren; es wurde viel experimentiert, ausprobiert und vorläufig festgelegt. Beim Durchlauf hingegen wird der Ist-Zustand der einzelnen Szenenentwürfe vor dem Hintergrund des gesamten Stücks auf die Probe gestellt. Jetzt müssen alle Szenen in der richtigen Reihenfolge gezeigt werden, Textbücher sind (sollten sie jemals erlaubt gewesen sein) verboten und von der ersten bis zur letzten Seite wird alles durchgespielt. So wird geprüft, ob der Rhythmus des Stücks stimmt, Charakterentwicklung und das emotionale Spiel der Darsteller plausibel sind und ob die Abläufe logisch inszeniert wurden. Dass etwas nicht passt, eine Schauspielerin zum Beispiel in einem roten Kleid links abgehen, 20 Sekunden später aber in der nächsten Szene mit blauem Hosenanzug und Gummistiefeln wieder von rechts auftreten soll, fällt spätestens jetzt auf.

Auch für alle, deren Textbuch seit der Leseprobe zerfleddert und staubig unter dem Bett verschwunden ist, schlägt nun die Stunde der Wahrheit (legendär, wenn Schauspieler in der zweiten Szene beginnen, ihren Schlussmonolog frei zu improvisieren). In den meisten Fällen verlässt man die Probe mit dem hässlichen Gefühl im Magen, dass „dieses Stück niemals etwas werden kann“ und beginnt kleinlaut, die schon vor Wochen euphorisch eingeladenen Verwandten auf das Schlamassel vorzubereiten. In nahezu allen Fällen legt sich dieses Gefühl aber in den weiteren Durchlaufproben wieder und auch die Verwandten dürfen aufatmen.

Traditionell findet die erste Durchlaufprobe bei den Winterproduktionen des tollMut-Theaters kurz vor den Weihnachtsferien statt. Auf diese Weise wird den Schauspielern die Gelegenheit gegeben, ihren Text unterm Bett wiederzufinden, zu entstauben, und endlich zu lernen, und das Regieteam hat Zeit, Unstimmigkeiten anzupassen. Bei der zweiten, dritten und ganz bestimmt bei der vierten Durchlaufprobe im Januar sieht die Welt dann sicher schon besser aus.

Wer mehr über die Abläufe bei einer Theaterproduktion erfahren möchte, kann diese hier verständlich und unterhaltsam nachlesen: https://www.amazon.de/Ruhe-Bitte-Wir-proben-Regieassistenten/dp/3895812196

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12.01.2017, by Pierre Stoltenfeldtтег title заполнять