„Es ist ein Stück draus geworden“

Anekdote voraus: Das letzte Mal, dass der Autor dieses Textes sich die Hosen so richtig vollgeschissen hat, war im Phantasialand, mit ca. 5 Jahren, in der Warteschlange der Wildwasserbahn, die damals noch nicht neumodisch „Totanga“ (oder so) hieß, sondern „Wildwasserbahn“. Das ging etwa so:

(vor der Fahrt)
Kind: „Ich glaube, ich muss mal.“
Mutter: „Okay, mein Sohn, nach der Fahrt gehen wir sofort, ja?“

(nach der Fahrt)
Mutter: „So, jetzt aber flott auf die Keramik, mein Sohn.“
Kind: „Jetzt muss ich nicht mehr.“

Ich erspare euch die Details, welch horrende Unsummen an D-Mark die arme Frau an diesem Tag in ein Paar grasgrüner Souvenir-Shorts investiert hat, und komme zum Wesentlichen: Heute wird sich endlich, knapp 30 Jahre später, wieder gehörig in die Hose geköttert! Die Premiere steht vor der Tür und der Unrat bis zum Hosenbund, das kann ich euch aber husten!
Nur 3 Monate sind vergangen, seitdem der wilde Ensemblehaufen sich zum ersten Mal argwöhnisch (damals war man schließlich noch Konkurrenz) beim Casting beäugte und mentale Notizen machte, wem man am ehesten auf der Treppe ein Bein zu stellen habe, sollte die Besetzung zu den eigenen Ungunsten ausfallen. Heute schließt man einander in die Arme und presst die liebgewonnene Meute herzig an den Busen. Eine richtige Familie ist da entsprossen, vielleicht fährt man ja sogar mal gemeinsam ins Phantasialand (Memo an mich: Wechselklamotten einpacken), wer weiß das schon! 3 Monate ist das her, und irgendwie, ich zitiere hier den Regisseur, ist am Ende doch „ein Stück draus geworden“.

Darsteller Andrés und Pepa packen beim Aufbau der Bühne an

So ein Premierentag ist schon etwas Besonderes: Alle rennen wie die Hühner durcheinander, gackern lobotomierten Legehennen gleich denselben abgedroschenen Insider wieder und wieder vor sich hin, reden viel zu laut und viel zu schnell, während der Regisseur auf und abläuft und unverständig vor sich herbrabbelt, wahrscheinlich heidnische Beschwörungsrituale. Die Regieassistenz nutzt dessen Unaufmerksamkeit und sichert hinter der Theke ihren Lebensunterhalt durch den illegalen Handel mit Valium. In der Maske löst sich derweil jede noch so penible Zeitplanung im buchstäblichen Rauch auf, weil Raucherlungen am Premierentag zu Höchstform auflaufen und jeder erfolgreiche Lidstrich mit einer Zigarettenpause belohnt gehört, während die Kostümabteilung mit der Heißklebepistole bewaffnet das, was nach der Generalprobe noch von den Kostümen übrig ist, an den Darstellern festklebt.

Das Licht wird eingerichtet und die Bühne stolpersicher gezimmert

Überall liegen lose Seiten längst nicht mehr sauber eingehefteter Textbücher herum, die irgendein Regieassistent pflichtbeflissen aufsammelt, um im nächsten Moment von einem markerschütternden Wutausbruch dieses oder jenen Darstellers daran erinnert zu werden, dass jener Fetzen Papier doch bitte genau dort zu liegen habe, und zwar für immer.
Um 19 Uhr heißt es für Schauspieler und Team dann ab hinter die Bühne, denn davor nehmen nun die Zuschauer Platz und die sollen ja nicht vom hysterischen Durcheinander des aufgeregten Haufens entzaubert werden. Eigentlich steht nun Warm Up auf dem Programm, dieses verzögert sich aber um mehrere viertel Stunden, weil einer der Darsteller beim Versuch, durch einen Spalt in der Kulisse Familie und Freunde zu erspähen, versehentlich von der Kostümabteilung am Vorhang festgeklebt wurde.
Ist dieser endlich mit roher Gewalt vom Stoff gelöst, folgt das ausgedehnte Aufwärmen von Muskeln und Stimme. Einige werden ohnmächtig, andere erleiden einen Kreislaufkollaps. Der Regisseur setzt unbeirrt mit seiner Premierenansprache fort und ermahnt unter stolzgeschwängertem Schluchzen zu Konzentration, Energie und Lautstärke. Alle weinen vor Rührung, die Hauptdarstellerin jedoch wird von einer Panikattacke niedergestreckt. Sie droht, die Segel zu streichen und sich fortan gänzlich ihrem zweiten Standbein, dem Fingerhäkeln, zu widmen. Die Regieassistenz entschärft die Situation, indem sie lustige Katzenvideos auf Youtube präsentiert.  Schließlich spucken alle einander über die Schulter, das Licht wird gedämmt und die Vorstellung kann beginnen.

Ihr merkt schon, irgendwie ist so ein Premierentag schon auch ein bisschen wie eine Fahrt auf der Wildwasserbahn, ob sie nun „Totanga“ heißt oder wie auch immer. Zeit für eine frische Unterhose und Vorfreude, ganz viel Vorfreude.


18.01.2018 by Pierre Stoltenfeldtскрытый спрос в маркетинге это

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