Drama Queen

Insiderinformanten plaudern aus: Bei tollMut ist man stetig bemüht, neben den Inszenierungsergebnissen auch die Arbeitsabläufe weiter zu professionalisieren. Na gut, zugegeben, na gut: Wir räumen schuldbewusst ein, dass ein jeder treuer Leser unseres Blogs – vernebelt von den Eindrücken unseres schlampig recherchierten Clickbaits – auf die falsche Fährte geführt worden sein könnte, wir würden uns bei tollMut vielmehr an RTL 2 als an Arte abarbeiten. “Am nächsten Riff halb links, Odysseus, und im Strudel bei der dritten Ausfahrt raus!”, wollen wir diesen irregeleiteten Seelen jedoch orientierungsstiftend zurufen, und heute hier den Lebendbeweis der tollMut’schen Professionalisierungsbestrebungen vorstellen: Mona Bratrich.

Haltet den Atem an, Unken, denn wir haben uns für unsere Produktion von “Ein Sommernachtstraum” mit Mona eine waschechte Dramaturgin geleistet! “Kriegt ihr das mit dem Drama mit eurer Stammbesetzung nicht auch ohne zusätzliche Hilfe schon seit Jahren ganz gut hin?”, höre ich es da lästern? Einspruch, euer Ehren! Stattgegeben. So ein Dramaturg, oder eben eine Dramaturgin, hat nämlich gar nichts mit interpersonalen Hiebes- und Liebesgeschichten zu tun (diesbezüglich sind wir nicht weiter zu professionalisieren, glaubt mir, aber solche Geschichten verarbeite ich lieber in meinem privaten Blog, Adresse auf Anfrage). Vielmehr obliegt es dem Tätigkeitsbereich einer Dramaturgin, Informationen zum und ums aktuelle Stück zu recherchieren und in der Textgrundlage der Inszenierung sowie dem zugehörigen Begleitmaterial zu verarbeiten. Weil unsere liebe Mona Bratrich das aber alles viel besser selbst erklären kann, haben wir sie schon vor Monaten interviewt (haben dann aber vergessen, es hochzuladen waren dann aber journalistisch so eingespannt, dass wir die Veröffentlichung ganz bewusst auf später verschoben haben).
Leset und lernet!

Mona Bratrich (Foto: Bernd Dreseler)

 

Liebe Mona, wie bist du zu tollMut gekommen?

Zu tollMut bin ich über Tim und Dave gekommen. Ich hab mit Tim bei Projekttheater von der Uni gespielt und der hat mir irgendwann Dave vorgestellt. Ich interessiere mich ungefähr immer für alles, was mit Theater zu tun hat (ich sortiere dann irgendwann aus, aber tollMut hat mich weiter gefesselt) und so haben wir nach “Haus Herzenstod” gedacht, dass ich auch hochoffiziell an einem Projekt mitarbeiten könnte – die Frage war nur wie.
Ich hab Theaterpädagogik gelernt – braucht ihr nicht. Ich hab zu viel Angst vorm Casting und kann deswegen leider nicht mitspielen. Aber ich kenn mich auch sonst ganz gut mit Theater aus, habe Theaterwissenschaft studiert und an der Oper in Hannover ein Praktikum in der Dramaturgie gemacht.

 

Was sind deine Aufgaben als Dramaturgin?

Damals im Vorstellungsgespräch in Hannover wusste ich das auch noch nicht so genau, aber man lernt ja nicht aus. Für den “Sommernachtstraum” bestanden meine Aufgaben aus Textbearbeitung, Probenbetreuung, außerdem darin, darauf aufzupassen, dass der gute Dave sich nicht in einer Regieidee verliert und dabei das Stück vergisst oder vernachlässigt, außerdem Hintergrundrecherche und die Gestaltung des Programmhefts.

 

Über den Punkt “Textbearbeitung” würde ich gerne mehr erfahren. Wie darf man sich das vorstellen?

Zuerst habe ich unabhängig von Dave den Text ein paar Mal gelesen. Dann haben wir uns zusammengesetzt, erste Ideen ausgetauscht und versucht, Motive in Worte zu fassen, die Figurenkonstellation zu durchblicken (Dave kam immer wieder mit Lysander, Demetrius, Helena und Hermia durcheinander) und Probleme, die wir an unterschiedlichen Stellen mit dem Text hatten, gemeinsam zu lösen.
Und dann kam die Fleißarbeit: eine eigene Fassung für tollMuts Sommernachtstraum zu erstellen. Wir haben ziemlich viel Text und auch Personen gestrichen, Szenen hin und her getauscht und stumme Sequenzen eingebaut. Da waren wir uns nicht immer ganz einig, konnten aber gut diskutieren. Es geht dabei ja nicht in erster Linie um Geschmack, sondern darum, was es braucht, um dem Text „treu“ zu bleiben. Es wird ja kein postdramatisches Theater, in dem wir das Stück nach unseren Wünschen auseinandernehmen und neu zusammenfügen.
Spannend ist vielleicht, dass wir den Text der Handwerker komplett rausgelassen haben, weil der im Probenprozess entstehen sollte (was an den drei verschiedenen Sprachebenen im Text liegt und wir die Sprache der Handwerker als realistische, heutige Alltagssprache wollten). Ich beschäftigte mich auch nicht nur mit dem Text an sich, sondern auch mit den Motiven und Themen, die wir stark fokussierten.

 

Was sind das für Motive und Themen, die ihr in den Vordergrund stellen wollt?

Groß ist der Mond, als Symbol der Nacht. Die Nacht als Symbol von Alptraum und Traum. Aber da will ich gar nicht zu viel vorwegnehmen, es soll ja spannend bleiben.

 

Was sind Schwierigkeiten und Herausforderungen der Bearbeitung dieses Textes im Speziellen?

Auf jeden Fall das Versmaß! Du kannst nicht einfach einen Satz rausnehmen, weil dann der ganze Flow kaputt ist. Du musst entweder umdichten oder passend streichen. Wir haben beides getan.

 

Ist es beängstigend, Shakespeare zu bearbeiten? Schließlich werden viele Zuschauer den Text kennen und mit klaren Erwartungen zur Aufführung kommen.

Ich finde es überhaupt nicht beängstigend, weil ich aber natürlich auch von meiner eigenen Theatereinstellung und –erfahrung ausgehe und es selbst spannend finde, die verschiedenen Blicke und Herangehensweisen der Regisseure zu sehen. Jeder kann einen anderen Fokus setzen und genau das macht es doch reizvoll, einen so alten und bekannten Text immer und immer wieder zu inszenieren und zu spielen. Man sollte als Theaterbesucher eine Grundoffenheit mitbringen.


16.07.2018 by Pierre Stoltenfeldt

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