Wir Kinder vom Bahnhof Siegen

So, ihr Nasen, nun legt aber bitte einmal kurz den Zehner aus der Hand, den ihr soeben zu einem dienlichen Röhrchen zusammenrollen wolltet, und spitzet die Ohren: tollMut hat gecastet, es gibt ein Ensemble! Da macht ihr große Augen, was?
Na, was höre ich denn da mauscheln und murmeln? Das sind doch bestimmt wieder die Zweifler, die ungläubig raunen: „Wer spielt denn heute noch Theater, haben die kein Geld für Fortnite?“
Rümpft nicht vorschnell die Nasen, kann ich da nur zürnen! Bei so viel Ombrage ätzt es einem ja glatt die Schleimhäute weg! Zügelt eure Bedenken, denn wir sind nicht von gestern und haben einen pfiffigen Kniff angewandt, um die strammwadigen Spielfreudigen hinter den Flimmerkisten weg- und zum Casting hinzulocken! Einfach „Kokain“ auf der Printwerbung versprechen, und schon kommen sie in Scharen herbeigeeilt.
Bei uns läuft. Nicht nur die Nase, nein, sondern auch der Anwärter zum Casting.
Mit „Kokain“ wird alles ein bisschen anders, das konnte niemand leugnen, für den dieses Casting nicht das erste war. Zum einen musste man diesmal, die Lunge dankt, nicht den gesamten Mount Everest bis zum Gipfelkreuz in der Oberstadt erklimmen, denn das Vorsprechen fand nicht im freiRaum statt. Dieser Platz (ganz nah) an der Sonne erfüllte uns in der Vergangenheit zwar stets mit possierlichen Wohlfühl-Vibes, liegt aber eben auch höher über Normalnull als eine unbemannte Marssonde. Stattdessen fanden wir uns auf halber Höhe im ehemaligen Tedi ein (den Grund erfahrt ihr schon noch, hört auf zu quengeln!).
Ebenfalls brandneu hinzu kam, dass Regie-Pfiffikus Penndorf, wohl beflügelt von der Aussicht auf „Kokain“, wie ein Flummi vor den Vorsprechenden hin und herhüpfte und neuerliche Übungen aus Nase und Ärmel schüttelte, von denen kein tollMütiger je zuvor gehört hatte. Teil dieses Programms wider die Eintönigkeit waren (nach dem üblichen Klatschen, Klimpern und Klopfen, diesmal unüblich kombiniert) vor allen Dingen Sprechchorübungen, bei denen dem Motto zum Trotze nicht „Leise rieselt der Schnee“, sondern Poetry chorisch geslamt wurde (richtige Poetry, Freunde der seichten Youtube-Unterhaltung, zum Glück wurde auf „Eines Tages werden wir alt sein“-Tränendrüsendrücker verzichtet).

Endlich in Siegen: Die Fischerchöre (Foto: Conny Kolumna)

Um Einzelvorsprechen kam jedoch, da halfen alle Neuerungen nicht, auch diesmal keiner der Anwesenden herum, wenngleich man‘s den armen Nervösen mit ihren heruntergekauten Nägeln noch so gerne erspart hätte. Zur Entlastung der Nerven hatte sich durch das intensive Gruppenprogramm zu diesem Punkt allerdings bereits eine derart von Liebreiz und Gönnung geschwängerte Atmosphäre im Raum breitgemacht, dass der Odor von süßlichem Angstschweiß und säuerlichem Furchtpups größtenteils ausblieb und Höchstleistungen aller Vorsprechenden fruchtbar gedeihen konnten. Dass am Ende nicht jeder eine Rolle ergattern konnte, liegt bei derart großartigen Leistungen einmal mehr nicht an fehlendem Talent, sondern schlichtweg daran, dass nicht genug „Kokain“ für alle da ist – Schließlich sollten nur sechs Rollen vergeben werden. Nasen, die leer ausgegangen sind, dürfen darum dennoch stolz in die Höhe gehalten werden, und sind herzlich zu unseren Workshops und freilich auch zum nächsten Casting eingeladen. Bis dahin freuen wir uns auf die sechs Akteure, die den anderen eine Nasenspitze voraus waren und im nächsten Jahr eine selbst erarbeitete Fassung von Pitigrillis Roman „Kokain“ unter die Leute bringen:

HELLBLAU – Defne Emiroglu
GELB – Valentin Rocke
BLAU – Anna Gustmann
TÜRKIS – Peter Ewert
HELLGRÜN – Charline Kindervater
GRÜN – Ajas Isajev

Bald wie gewohnt an dieser Stelle: Insiderinfos von Proben und peinlichste Einblicke in das, was vom Privatleben der Akteure dann noch übrig sein wird. 

P.S.: Für diesen Blog werden dringend Mitwirkende gesucht, da große Teile der bisherigen Redaktion aktuell im Gefängnis im selbstgewählten Exil sind. Bei Interesse bitte einfach eine kurze Mail an stoltenfeldt@tollmut-theater.de

19.10.2018 by Pierre Stoltenfeldt