Was sich reimt, das stimmt #3

O, Vortex! Gepriesen sei deine ranzige Pracht, o du Perle Weidenaus, du Götze der nächtlichen Pilgerer! Jawohl, den kann man ironiefrei so stehen lassen, diesen Lobgesang, und zwar nicht bloß, weil wir in unser aller Lieblingsschuppen letztes Jahr sowohl „Gas“ als auch unsere Zuckermaus Laura mit ihrer Solonummer auf die morschen Bühnenbretter geschickt haben, nö. Wie der Partygott (hallo, Phil!) es so will, hat das Vortex uns nämlich auch einen Johannes Vockerath-Darsteller beschert, gelobet sei seine Herrlichkeit!

Und siehe, es begab sich in der ESE-Woche (für Leute, die nicht studiert haben, oder schon so lange studieren, dass sie sich daran nicht mehr erinnern: Das steht für Erst-Semester-Einführung), als ein goldgelockter Jüngling (eigentlich brünett, aber das schert in Weihnachtsliedern ja auch niemanden) seinen Weg in die heiligen Hallen des Vortex fand, um dort Wein, Weib und Gesang zu frönen. Wie man das eben so tut, mit 19, wenn man gerade anfängt zu studieren. Hach, das waren Zeiten! Mit vom Wein (vielleicht auch vom Weib, oder vom Gesang, wer weiß das schon) gelockerter Zunge erzählte unser Lennart dort einer ESE-Helferin von seiner Theaterleidenschaft, die den Torkelnden sogleich pflichtbeflissen in die Arme unserer – an einer nahegelegenen Bierquelle rastenden – Regieassistenz schubste. So, und jetzt kommt der Wortwitz, an dem ich seit einer halben Stunde feile: Lennart bewies also nicht nur mit seiner Locationwahl den richtigen Riecher (!), sondern war anderen Theaterbegeisterten auch in Sachen Networking eine Nasen(!)länge voraus. Bei derart formidablem Einsatz des Riechorgans musste es ja so kommen, dass der Knabe die Hauptrolle einsackt, denn (Achtung!): Wie die Nase des Mannes, so sein Johannes!

Na? Na? Nicht gut? Schön, vielleicht kann ja das Gedicht eher begeistern, mit dem Lennart uns begeistern konnte, beim Casting. Weil’s schnell gehen musste – zwischen besagtem Vortex-Gespräch und dem Vorsprechen lagen nur zwei Tage – hat der Gute einen Brocken Dichtkunst recyclet, den er schon in der achten Klasse auswendig gelernt hatte. Gut so, denn mit Goethe machste nix falsch.

Lennart Naether (Fotocredit: Bernd Dreseler)

Kinder, wir freuen uns, dass wir uns den Kerl noch schnappen konnten, bevor es eine Schauspielschule tut. Freut euch auf Lennart – und das nicht nur, weil er der einzige ist, der seinen Johannes auf der Bühne auspacken darf, ohne, dass wir Probleme mit dem Jugendschutz kriegen!

Totentanz
von Johann Wolfgang von Goethe

Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht;
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
In weißen und schleppenden Hemden.

Das reckt nun, es will sich ergetzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdlein über den Hügeln.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
Geh! hole dir einen der Laken.
Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
Und, husch, ist es unter dem Rasen.

Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb er ihn wieder, den Laken.
Da häkelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
Und unten zerschellt das Gerippe.

 

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18.01.2017, by Pierre Stoltenfeldt

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