Was ist eigentlich eine PG?

Na schön, wir geben’s ja zu: Besucher sind bei unseren Proben nicht nur deshalb unerwünscht, weil sie sich damit die ganze Überraschung verderben würden. Ein weiterer Grund, warum wir nicht einmal unsere Mütter zugucken lassen, ist der, dass so eine Probe potenzielle Kartenkäufer verschrecken könnte – vor allem die Mütter. Das liegt aber nicht an der Qualität der Darbietung, sondern an dem, was es da drumherum zu sehen gibt: Unsere „Einsame Menschen“-Darsteller steigen zum Beispiel mit (so sieht es für jungfräuliche Augen jedenfalls aus) ekstatischen Zuckungen in ihr Warm-Up ein, die an das vielverschriene Namentanzen aus der Waldorfschule erinnern und bei denen sie zuweilen wie röhrende Hirsche klingen – Verschafft euch gern einen Eindruck mit unseren exklusiven Insidervideos (den Ton haben wir allerdings entfernt, damit der Mitbewohner nebenan nicht auf falsche Gedanken kommt).

Tatsächlich liegt man mit dem Verdacht, dass diese wilden Bewegungen etwas mit dem Tanzen von Namen zu tun haben könnten, gar nicht mal so weit daneben. Michael Tschechow, dem unsere Einsamen Menschen ihr Workout beim Probeneinstieg verdanken, entwickelte seine Schauspielmethode im letzten Jahrhundert mit starken Anleihen bei der Eurythmie, die eben auch an Waldorfschulen unterrichtet wird. Ihre Namen tanzen unsere Akteure allerdings nicht, sondern wiederholen zum Einstieg in eine Probe ihre selbstentwickelte „Psychologische Geste“, oder kurz PG. Eine solche PG zu erarbeiten ist einer der Grundpfeiler der Tschechow-Schauspielmethode, mit der wir in Workshops und Proben gerade experimentieren.

In der Sprache Tschechow unterscheidet eine Geste sich von einer stinknormalen Bewegung dadurch, dass einer Geste der Wille des Menschen zu Grunde liegt. Ein Gähnen wäre dementsprechend eine Bewegung (weil zwar Muskeln im Spiel sind, man damit in der Regel jedoch keine Absicht verfolgt). Wenn man dabei aber die Hand vor den Mund hält (zum Beispiel mit der Absicht, seine Zahnlücke zu verstecken, oder höflich zu sein, oder dem Dozenten nicht die Fahne der Party von gestern Abend ins Gesicht zu blasen), handelt es sich um eine Geste.

Solche Gesten sind im Alltag in der Regel klein und unscheinbar – wer offen und aufgeschlossen wirken möchte, verschränkt zum Beispiel lieber nicht die Arme vor der Brust, sondern führt sie vom Körper weg und zeigt die Handinnenflächen. Ihren Ursprung haben solche Alltagsgesten laut Tschechow allerdings doch alle in großen Universalgesten, deren alltagstauglichen Miniaturformen sie sind. Die obengenannte Alltagsgeste zur Darstellung von Offen- und Aufgeschlossenheit etwa wäre – in ihr ursprüngliches Extrem zurückgedacht – eine Geste, bei der Arme und Beine weit vom Körper gestreckt sind und Hals und Brust als verwundbarste Stellen am Körper dem Gegenüber angeboten werden. Man zeigt: Ich bin harmlos, ich trage keine Waffen, keine Angst, ich tu dir nichts. Wer einen Hund kennt, kennt auch diese Geste.
Bei der Psychologischen Geste Tschechows geht es nun zunächst darum, den inneren Antrieb einer Figur auf der Bühne aufzuspüren. Was will zum Beispiel Romeo eigentlich? Geliebt werden? Die Fehde zwischen den Familien Montague und Capulet beenden? Diesem Willen, Motiv, oder Handlungsmotor der Figur (oft handelt es sich dabei, gerade am Anfang, nur um eine erste Vermutung) soll dann in einer kräftezehrenden Suche nach der richtigen Form mit dem ganzen Körper in einer extremen Geste Ausdruck verliehen werden – in einer Psychologischen Geste, eben. Stark vereinfacht gesagt ist es Schauspielern laut Tschechow möglich, durch die Einbindung des gesamten Körpers in solchen großen Gesten den Willen der Figur in sich selbst zu erwecken und mit ihrem Willen auch ihre Gefühlswelt. Anstatt Figuren in monatelanger Textarbeit zu zerdenken, erlaubt Tschechows Methode es den Schauspielern somit, ihre Rollen von innen heraus zu erleben und sich an ihre Gefühlswelt heranzutasten.

Auf der Bühne wird man die Psychologischen Gesten allerdings nicht zu sehen kriegen. Sie stellen nicht die Körperlichkeiten der Figuren dar, sondern ihre Essenz.

Wer mehr über Tschechow und seine Methode erfahren möchte, klicke bitte hier: http://www.actorsensemble.org/thesis

Wer neugierig geworden ist und selbst einmal mit der Tschechow-Methode arbeiten möchte, ist außerdem herzlich zu unserem Workshop eingeladen: http://tollmut-theater.de/workshop-tschechow-trainng
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09.01.2017, by Pierre Stoltenfeldt

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