Theater wertschätzen beim Kunstwertschätzen

Dürfen wir vorstellen: Ein Mann, dessen Kontrabass seine Dates versaut, eine bittere Dame, deren aus dem Fenster fliegende Einkäufe zu Metaphern auf Familienmitglieder werden und ein zweiter Mann, dessen Wissen über Forschungstheorien ihn irgendwann in den Wahnsinn getrieben haben.
Diese drei Figuren durften die Zuschauer des Kunstwertschätzens im Wolkenkuckucksheim letzten Dienstag kennenlernen. Im Rahmen des tollMut Workshops „Methoden der Rollenentwicklung anhand der Psychologischen Gebärde nach Michael Tschechow“ wurden die Charaktere kleinschrittig entwickelt und ausgebaut, bis sie schließlich vor Publikum in Erscheinung treten durften – zuletzt beim Kunstwertschätzen am vergangenen Dienstag.
Zuerst trat Lukas zusammen mit seinen Schauspielkollegen Tim und Anna auf die Bühne, um seinen Monolog über den jungen Herren mit dem Kontrabass vorzustellen. Zu jeder Präsentation gehörte allerdings auch die zuvor entwickelte Psychologische Geste: eine ausladende Bewegung, die Wünsche und Ziele der Figur in einer einzigen Geste ausdrücken soll. Dies kann auf Außenstehende im ersten Moment etwas befremdlich wirken, weswegen Frieda, die den Workshop mit organisiert hatte, vor jedem Monolog mit auf die Bühne trat und dem Publikum kurz die Besonderheiten der Psychologischen Geste (kurz „PG“) erklärte, damit niemand sich erschreckte oder schockiert aus dem Club rannte. Die drei Performer präsentierten also alle gemeinsam ihre zu der Figur gehörige und vorher entwickelte PG, danach setzten sich Tim und Anna hinter Lukas mit auf die Bühne, um geistigen Beistand zu leisten.

Lukas Janßen

Lukas begann, den Zuschauern von seinem Kontrabass und dem Mädchen im Orchester zu erzählen, für welches er so schwärmte. Zur Überraschung von Tim und Anna, die den Monolog aus dem Workshop ja schon kannten, änderte er das Ende jedoch spontan ein wenig ab – und ließ die beiden Lovebirds am Ende des Abends doch zusammen nach Hause gehen, anstatt den Kontrabass den Abend verderben zu lassen.
Danach durften erst einmal ein paar andere Künstler ihre Präsentationen vorstellen, um die Zuschauer nicht mit unseren Charakteren zu erschlagen.

Anna Gustmann

Eine halbe Stunde später war dann Anna an der Reihe, natürlich ebenfalls begleitet durch Frieda, Tim und Lukas.  Ihre Frau mit dem Einkauf wurde zusehends wütender und warf nach und nach alle Einkäufe aus dem Fenster zwischen dem dritten und vierten Stock ihres Treppenhauses – nicht ohne dabei bis aufs Äußerste einzelne Familienmitglieder zu beleidigen. Auch nach dieser Performance hatte das Publikum erst einmal wieder ein bisschen Ruhe vom tollMut-Theater.

Tim Lechthaler

Zu fortgeschrittener Stunde, gegen 22 Uhr, durfte auch Tim seinen Monolog vorführen. Dieser begann ruhig, jedoch steigerte sich auch seine Person in wirren Wahnsinn über verschiedene Forschungstheorien rein, was schließlich dazu führte, dass er irgendwann mehrmals mitten im Publikum saß. Am Ende stand er auf einer Bank neben dem Mikrofon und brüllte zur Klimax seines Monologs seinen kompletten Frust mitten in die Gesichter der Zuschauer, von denen sich einige Zartbesaitete derart erschreckten, dass unser Akteur sich gleich darauf bei ihnen für die Auswirkungen des Wahnsinns seiner Figur entschuldigte.

Alles in allem also ein sehr gelungener Abend für das tollMut-Theater! Sollten wir euer Interesse durch Anbrüllen, den liebenswerten Kollegen mit Kontrabass oder eine Irre, die nacheinander unter anderem Käse, Milch und Gläser aus dem Fenster schmeißt, geweckt haben, besucht doch gerne unseren nächsten Workshop zur Rollenentwicklung am 12. und 13. August – vielleicht gehört auch ihr bald zu den Wahnsinnigen vom tollMut-Team.


14.05.2017 by Anna Gustmann

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