Das Herz und der Kopf

„Warum heißt ihr eigentlich tollMut?“ wird man manchmal von Neugierigen mit großen Augen befragt und muss dann mit so einem verlegenen Kicherer auf David Penndorf zeigen, die Urmutter des ganzen Wahnsinns, weil man selbst keine richtige Antwort weiß.
Für alle tollMut-Boys, -Girls, und -Transgender, die irgendwann mal in so eine Bredouille geraten, hier der Leitfaden zur korrekten Reaktion: „Komm doch mal zu einem Workshop!“ ist die beste Antwort, denn was Theaterspielen mit Infektionskrankheiten zu tun hat, das kann man da am besten beobachten.

Am letzten Wochenende war’s mal wieder so weit, da stand der Anfängerworkshop auf dem Plan, und als Schwerpunkt war unter anderem Tschechows Schauspielmethode ausgewählt worden. Gleich 18 Teilnehmer hatten sich gefunden, und das ist ’ne Menge Holz, auch für die erfahrensten unserer Workshop-Zirkuspferde. Da mussten die Workshopgurus sich erstmal bei Pizza (leider noch halbroh, der Elena Grill in Oberfischbach enttäuschte, angeblich aber ein Einzelfall) und dreißig Flaschen Wein zusammenfinden und mehrere Stunden lang tagen, um das alles zu organisieren. Vier Räume an der Uni mussten gebucht, Teilnehmer auf Gruppen verteilt, Übungen ausgewählt, koordiniert und nochmal durchgegangen werden.
Dave hämmerte währenddessen wie eine gut geölte Chefsekretärin auf sein Notebook ein, tippte alles mit und verfasste nebenbei noch zweihundert Erinnerungsemails (Schätzung auf Grundlage von Tippgeschwindigkeit und -dauer), damit auch bloß niemand vergessen konnte, was für’s Buffet mitzubringen und jeder einen Monolog bekam, der in Eigenregie nix gefunden hatte. Gelohnt hat es sich aber allemal, sich den Hintern bis zum Hinterkopf aufzureißen:
Aus der Großgruppe, die anfangs noch verhalten umeinander rumschwänzelte und zusammenzuckte, wenn man mal versehentlich jemanden am Arm streifte, ist in 2 Tagen mal wieder etwas geworden, das sich nach Familie anfühlt, und die man mit dem vertrauten Gefühl verabschiedet hat, „sich irgendwann mal wiedersehen zu müssen“.
Oder in tollMut-Sprache: Ein Schweinehaufen ohne jede Hemmung voreinander.

Kennenlernübungen

Der Virus hat, um mal wieder zum Gruppennamen zurückzukehren, also neue Wirte gefunden, und ist bei Alteingesessenen zu neuen Formen mutiert. Ein Geben und Nehmen ist das nämlich, Freunde, und deshalb auch kostenlos. Jeder und jede einzelne hat ein Stück von sich dagelassen und die anderen damit bereichert. „Kitschig“, höre ich’s da unken, aber wenn’s halt so schön ist, muss man das ja nicht kleinreden. Könnt ihr euch nämlich gar nicht vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn man sich da wie der Papa beim Fußballspiel des Sohnemanns mit stolzgeschwellter Brust am Ende die Abschlusspräsentation reinpfeift und sieht, wie groß die alle geworden sind, was die aus sich rausholen, wie die alle ihre Grenzen sprengen und über sich hinauswachsen. Das Herz ist wieder mal ein Stückchen größer geworden, wohnen jetzt ja neue Mieter drin.

Was genau wir beim Workshop gemacht haben, erzählen wir euch aber erst nächste Woche. Am kommenden Wochenende steht dasselbe Programm ja nochmal an, und für die ganzen aufgeregten Mäuse (es sind derer 21!), die sich angemeldet haben, soll der genaue Ablauf eine Überraschung bleiben. Für Sarah, Dave und mich (wir leiten den Workshop) heißt das Abschalten, Alltag regeln, Programm nochmal überarbeiten und vor allen Dingen: Vorfreude, Vorfreude, Vorfreude. Für alle, die sich bisher noch nicht getraut haben, sich bei einem unserer Workshops anzumelden, heißt das hingegen: Sachte Schläge hinter den Hinterkopf und beim nächsten Mal den inneren Schweinehund infizieren lassen. Lohnt sich nämlich.


02.03.2017 by Pierre Stoltenfeldt

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