Von Flöten und Gitarren

Ich lasse noch ein Mal Revue passieren: Meinen mittlerweile vierten Sekt halte ich in der Hand, während ich schmerzerfüllt zusammenzucke, als auf der Bühne vor mir jemand nun zum wiederholten Male eine Seite aus einem Buch reißt, um sie sich mit erstaunlichen Enthusiasmus in den Mund zu stopfen. Um mich herum hängen Fotos von augenscheinlich verrückten Menschen in noch verrückteren Outfits.
Nun stellen sich mehrere Fragen: Wie kann ich mir vier Gläser Sekt leisten; wer ist dieser außergewöhnliche Connaisseur von Literarischem; und an welch wundersamen Ort befinde ich mich eigentlich?
Ersteres ist leicht zu beantworten: Der Sekt ist kostenlos. Ein gewisser Stock ist vom Gastgeber gestellt, aber zusätzlich hat Bernd Dreseler, der Fotograf der ausgehängten Werke, noch die ein oder andere Flasche von einem Treffen mit nochmals anderen Fotografen mitgebracht (bei dem verdächtig viel Sekt anwesend war). Die zweite Frage zu beantworten, würde hier wohl den Rahmen sprengen und so kommen wir zur letzten.
Ich bin im frei:Raum bei der Vernissage der Ausstellung „Von Konfetti und Würmern“, in der die allerallerbesten Fotos der letzten vier Jahre tollMut – Theater zu einem gleichzeitig bezaubernden als auch furchteinflößenden Ergebnis zusammengestellt wurden. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: Nackte Männerhintern, Frauen in Rüstung und überhaupt ganz viele Emotionen, ganz viele Farben und, vor allem, ganz viel Theater, dass man vor Freude jauchzen mag.

Foto: K.H. Kasper

Durch den seichten Nebel hinter meiner Stirn, dessen Ursache ich gerade noch so in meinem unbedarften Sektgenuss auszumachen vermag, werde ich von Applaus für den Buchliebhaber (Tim Lechthaler) ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Doch der war nicht der erste und wird auch nicht der letzte auf der Bühne sein. Wir hörten noch schöne Melodeien, Der Dave und besagter Bernd Dreseler erzählten uns, wie dies alles überhaupt zustande kam und uns wurde berichtet, wie schön das Landleben sein kann (Pierre Stoltenfeldt). Natürlich als Monolog. Später soll es wohl noch einen Sprechchor (Sarah Schlüter-Stamm, Andrés Garcia Diaz, Melanie Wagner und Charline Kindervater) geben, aber wer weiß schon, ob ich da nicht schon sturzbetrunken in meinem Bett liege und versuche, das Karussell abzuschalten.
Aber gerne werde ich mich an den Abend erinnern und mir auf jeden Fall noch das ein oder andere Mal die Werke im frei:Raum anschauen. Ohne Sekt. Also kommet, ihr Hirten, ihr Männer und Frauen.
Ist auch ok, wenn ihr keine Hirten seid.


22.12.2017 by Jan Mohr 

 

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