Auf Wiedersehen, mein treuer Freund, und nicht Lebewohl

„ Wenn ich fertig bin, müsst ihr mir bitte sagen, dass ich schön aussehe. Auch wenn ihr lügt. Sagt es einfach, ok?“

Ich erinnere mich noch, als sei es gestern gewesen: „Die gute Nachricht ist, wir hätten dich gerne dabei. Die schlechte Nachricht: der Bart muss ab.“ Als ob man einen Vertrag mit dem Teufel schließt. Amüsiert sagte ich dieser Verlockung zu und freute mich auf den Probenbeginn zu „dna“. Gemeinsam mit den weiteren bärtigen Darstellern vergnügten wir uns alle prächtig bei den Proben und die Kreativität fing nur so an zu sprudeln, doch verdrängten wir bloß, welch schrecklicher Dämon um die Ecke auf uns lauerte. Eine Reise in die Vergangenheit – man blickt seinem Sechzehnjährigen Ich auf einmal in die Augen, ein Blick in den Spiegel und man muss voller Schmerz mit ansehen wie man vom Mann zum Baby wird.

Als die Aufführungen noch in weiter Ferne lagen, haben wir Witze gemacht. Ich wollte mich nicht rasieren. Striktes Verneinen wurde an den Tag gebracht. Die Damen im Ensemble und das Regieteam konnten es gar nicht abwarten, bis wir unsere Gesichter entblößen würden und voller Schadenfreude rieben sie sich ihre teuflischen Hände, bildeten einen Kreis und schlossen Wetten ab, wer am schlimmsten aussehen würde. Wir Jungs nickten nur lachend und haben nicht weiter darüber nachgedacht. Wir hatten sogar den Plan, uns alle gemeinsam zu rasieren. Also jetzt nicht alle Männer gemeinsam im Bad und sich gegenseitig den Rücken rasieren oder so… Es sollte ein gemütlicher Abend sein und das ganze Team sollte zusammen sitzen und nach und nach verschwindet ein Darsteller im Bad und trennt sich von seinem besten Freund. Einfach den Schmerz gemeinsam durchleben, das war der Plan.Die Aufführungen rückten immer näher und man merkte, wie die Spannung immer weiter stieg. Nicht, weil man bald vor fast hundert Leuten auf der Bühne stehen würde, sondern weil ES bald geschehen musste. ES musste vollbracht werden.

„Wir müssen uns langsam mal treffen und anfangen mit dem Rasieren“,
„Die Haut muss sich dran gewöhnen. Nächste Woche ist Premiere und ich will nicht, dass mein Gesicht total rot aussieht“,
„Ich hab keine Ahnung, was mich unter dem Bart erwartet. Ich habe mein Kinn seit sechs Jahren nicht mehr gesehen“.

Im ersten Moment hörten wir uns an wie sehr eitle und arrogante Kerle, aber wir hatten einfach Angst. Da, ich sprech‘ es aus: Angst. ANGST, Leute. Angst davor, was uns erwarten und wie wir aussehen würden. ICH hatte Angst vor der Rasierklinge und ich schäme mich nicht. Doch, ich schämte mich schon ABER ich schämte mich nicht meiner Scham, wenigstens das müsst ihr mir lassen, dankeschön. Würden wir uns selber noch mögen, wenn der Bart weg war würden unsere Freunde und vor allem die Frauen uns noch mögen, wenn wir einen Teil unserer Männlichkeit verlieren?! Die Lage spitzte sich zu und uns wurde klar, dass es kein Zurück mehr gibt. Am Sonntag, den zweiten Juli, wollten wir uns treffen. Vielleicht noch ein wenig Text zusammen lernen, etwas essen und so viel trinken, bis wir nicht mehr im Stande sind uns zu rasieren oder um es einfach zu vergessen. Der Sonntag rückte näher und kaum jemand äußerte sich noch dazu. Genauso gut kann man einen Stein in einen leeren Schacht werfen, man kann keine Antwort erwarten sondern nur einen dumpfen Aufprall. Dieser Aufprall kam in der Form, dass ich alleine an unserem besagten Treffpunkt aufkreuzte und kein weiterer der bärtigen Darsteller an dem Tag „konnte“. Also musste nur mein Bart rollen, die anderen haben gekniffen. In meinen Armen hielt ich Rasierzeug. Diese Nassrasierer fürs Gesicht und Rasierschaum. Als ob es brennende Ratten wären, hielt ich diese Utensilien in meinen Händen und wurde hinein gebeten, hinein in einen der schlimmsten Abende seit langem. Es wurde etwas gegessen und es fühlte sich an wie eine Henkersmahlzeit, doch Alkohol floss überhaupt nicht. Ich merkte, wie mit der Zeit die Klingen immer schärfer und durstiger und die Spannung und Schadenfreude immer größer wurden. „Also gut. Wollen wir?“ fragte ich und stand von meinem Stuhl auf mit einer Zigarette im Mund, um die Nerven zu beruhigen. Und so begann er, der lang andauernde Weg ins Badezimmer.

Die schadenfrohe Teufelin hielt ihr Handy bereit, um alles zu dokumentieren. Was jetzt folgt ist zu grausam um es ausführlich zu beschreiben und wirkt für den einen oder anderen Leser zu verstörend. Ja, ich richte mich an meine männlichen Leser und Bartfreunde an dieser Stelle. Ihr versteht, wie es ist, einen Bart zu haben, und welch Stolz damit verbunden ist. Ich möchte euch das Grauen ersparen, wie es ist, sich im Spiegel zu betrachten, mit dem Rasierer in der Hand und auszuholen um sich endgültig in einen Jugendlichen zu verwandeln.

„Du siehst so…so…sooo Milchbubi aus“
„ Aber du lässt dir den Bart wieder wachsen, oder?“
„Du hast bald deine Abiturprüfung, richtig?“
„DARFST du überhaupt schon Auto fahren?“

Das sind nur ein paar Kommentare, dich ich zu hören kriege als Reaktion auf mein glattes und unbehaartes Gesicht. Alles für die Kunst und Leidenschaft.
Lasst dieses große Opfer nicht umsonst sein und seht euch „dna“ an, das am 11. Juli im Vortex startet. Und wenn es euch gefallen hat und ihr mir eine Freude machen wollt, sagt mir bitte, dass ich immer noch schön aussehe. Auch wenn ihr lügt. Sagt es einfach, ok?

Ich verabschiede mich an dieser Stelle von einen meiner treusten Freunde und Wegbegleiter. Aber ich sage nur auf Wiedersehen, mein treuer Freund. Bis nächstes Mal und nicht Lebewohl. Aber bis dahin bin ich in einer schlimmen Lage.


04.07.2017 by Andrés Garcia Diaz

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